Same procedure

Neues Jahr – altes Spiel!

Heute morgen bin ich aufgewacht und hatte Angst. Nicht das erste Mal. Dieses Gefühl kenne ich, ich fühle mich einfach unwohl und in mir versucht eine diffuse Angst die Oberhand zu gewinnen. Damit bin ich nicht einverstanden! Ein Mittel: Fernsehen gucken, damit kann ich aus mir flüchten. Reicht mir aber nicht, weil das nur ein Versteckspiel ist. Ich weiß, dass die Sorgen und Gefühle hinter meinen Händen die ich mir vor’s Gesicht halte lauern.

Eine kleine leise Stimme in mir fordert: Schau‘ ihr in die Augen Kleines! Ich glaube dieser Stimme. Ich schaue vorsichtig über meine Schulter zurück und da sehe ich sie. Gleich mehrere Ängste hüpfen wie Rumpelstilzchen durch die Gegend und schneiden mir Fratzen. Angst vor dem neuen Chemozyklus der heute beginnt, Angst dass mein Tumor zurückkehrt, Angst das die Chemo bleibende Schäden hinterlässt, Angst dass die MS auch noch die Klappe aufreisst und mir Nerven lahmlegt, Angst wie es mit dem Job weitergehen soll, Angst ob ich noch einen Inhalt für mein Leben finde der mich erfüllt statt eine leere Hülle zurückzubehalten, Angst dass 2018 keine schönen Tage für mich bereithält, Angst dass ich wegen meines geschwächten Körpers meine zarten Pläne für 2018 nicht umsetzen kann, Angst irgendwann nur noch im Haus zu sitzen, Angst keinen Sinn mehr für mich im Leben zu finden, Angst nicht mehr glücklich zu werden.

Aufgewacht

Heute vor einem Jahr bin ich nach meiner Hirn-OP auf der Intensivstation aufgewacht. Die Erinnerungen daran sind in einzelne Bröckchen verpackt. Ein zusammenhängende Zeitspanne startet erst ca. 3 Tage nach der OP.
Die Bilder sind verschleiert, das Zimmer eher dunkel, vermutlich waren das die Reste der Narkose. Das erste an was ich mich erinnern kann, ist die Tatsache, dass ich meinen Kopf nicht gerade halten konnte, er kippte immer nach rechts oder links. Nachdem ich das äußere, fixiert mir irgendjemand meinen Kopf mit je einem Kissen links und rechts. An Personen und Gesichter kann ich mich gar nicht erinnern. Dankeschön an die umsorgende Betreuung!
Irgendwann gibt es Frühstück: Kaffee aus der Schnabeltasse und Vanillepudding. Wie der in meinen Mund gekommen ist, keine Ahnung.
Etwas deutlicher kann ich mich an den Besuch meines Operateurs erinnern. Er stand am Fußende meines Bettes und wollte, dass ich den linken Fuß und den linken Arm mal bewege. Nur Minibewegungen habe ich hinbekommen, aber er meinte, es sei schon viel besser als gestern abend. Nach der OP hätte es gar nicht funktioniert. Mit meinem vernebelten Gehirn habe ich gestuzt, aber richtige Sorgen konnte ich mir darüber nicht machen.
Am späten Vormittag hat man mich wieder auf mein Zimmer geschoben, wo meine am Vortag operierte Zimmernachbarin mich begrüsste. Die nächsten 2 Tage verschwinden überwiegend im Nebel der Erinnerungen. Besuche meines Mannes und meiner Tochter, Krankengymnastik mit Schuh anziehen lernen und ersten unsicheren Schritten. Klo gehen mit Begleitung, weil ich alleine noch gar nicht so weit kam. Das erste mal sogar mit männlicher!!! Begleitung, das wollte ich schon immer mal. Danke an Ronny, den besten Pfleger der Welt! Und nachts musste ich klingeln, wenn ich mich im Bett rumdrehen wollte, weil ich es alleine und ohne Unterstützung durch den linken Arm nicht geschafft habe.

Wohlfühltag!

Heute ist ein guter Tag! Die Sonne schien. Kein Termin beim Arzt oder Therapeuten lag an. Mein Mann und ich genossen eine wunderschöne Harmonie, sogar beim Arbeiten. Ich konnte mein neues e-Piano auspacken und in Betrieb nehmen. Mir war überwiegend warm.  Keine Übelkeit. Ich fühle mich wohl!!!

Tiefe Verzweiflung

Ich stecke in einem zähflüssigen Strudel. Er wirbelt mich herum, lässt mich Bruchteile von Bildern aus meinem Leben erkennen. Immer nur für Sekunden, dann sind sie wieder weg.
Unter meinen Füßen spüre ich keine Boden. Wenn ich den Kopf über Wasser halten will, muss ich schwimmen. Nichts lässt sich von mir anfassen, ich bin dem Strudel hilflos ausgeliefert. Ich suche einen roten Faden, um mich aus dem Strudel zu befreien. Aber alles, was ich erwische sind nur kleine Stücke eines vermeintlichen Rettungstaus. Kaum dass ich sie in den Händen halte, sind sie auch schon wieder weg. Und der Strudel erobert noch ein Stück mehr von mir.
Ich habe Angst, mir laufen die Tränen über die Wangen. Ich bekomme zu wenig Luft und weiß nicht, wie ich jemals wieder daraus kommen soll. Und ich überlege, was wäre, wenn ich einfach aufhöre zu strampeln?
Hört sie dann auf, die Angst? Ist dann Ruhe, keine Panik mehr, keine Ungewissheit? Oder wird es wohlmöglich schlimmer? Die Furcht schnürt mir die Kehle zu und ich bleibe ratlos zurück.